selbstdarstellungssucht

„social media schafft die illusion, sich in der öffentlichkeit privat zu fühlen“

letztens stand ich an einem sonntagmittag auf einem bahnsteig. ich wartete in hanau auf einen zug nach münchen. das telefon klingelt. ein freund wünscht mir eine gute reise.

“ach”, sagt er, “kennst du eigentlich dieses blog … selbstdarstellungssucht.de”? daraufhin ich: “nein. sollte ich?” er: “dachte nur, weil du dich doch da in social media rumtreibst und bloggst.” “ich: nee, ich kenne ja das eine oder andere, aber das nicht.”

er: “mhm, ja meine mama hatte da ne zeitschrift rumliegen, das fräulein oder so. eigentlich gar nicht schlecht. auf jeden fall blätterte ich darin und mir fiel dieser artikel über das blog auf. dachte, das könnte für dich interessant sein.”

social media

irgendwie weckte das meine neugierde. gerade die menschen in deiner umgebung, die mit dem was du treibst, gar nicht so viel am hut haben, geben dir ja immer wieder mal wirklich gute tipps.

ich: dank dir. ich schaue es mir gleich im zug an.” gesagt getan. tasche geschultert und ab in den dann wartenden zug und das telefon herausgefischt. schon beim tippen musste ich an mich selbst denken…

bin ich süchtig, weil ich mich im social web am tag unzählige stunden bewege, ob nun per mobile oder am desktop rechner?

schnell die frage beiseite gewischt und das blog begutachtet. ne menge interviews mit durchaus interessanten menschen. mhm. seit 2009 bloggt veronika nun schon.

und, das sagte mein freund auch: “hey, die bloggerin kommt aus münchen!” gut, dachte ich mir und schrieb ihr eine mail, weil ich einfach mal wissen wollte, was das ist, dieses blog mit dem namen selbstdarstellungssucht, welches auch auf facebook vertreten ist und von über 3.000 fans bevölkert wird…

johannes moin veronika. ich freue mich, dass du meine interviewanfrage angenommen hast.

veronika gerne, das ist mein erstes interview per google drive.

johannes du sag mal, warum bloggst du? oder besser: stell dich doch mal kurz vor.

veronika ja, wer bin ich, wenn ich online bin? das ist eine frage, die ich mir schon seit meiner ersten blogerfahrung gestellt habe. ich blogge seit mein deutschlehrer uns damals im deutsch-lk einen klassenblog hat führen lassen und mich diese form von publikation ab dem zeitpunkt begeistert hat.

seit dem habe ich einige blogs gehabt – online sind nur noch die selbstdarstellungssucht und davon auch nur noch teile. sowie die tumblr catsandpistols und bestreetart.

ich habe ein fertiges kommunikationsdesign studium, studiere im moment medienkunst an der akademie der bildenden künste in münchen und war ein jahr im presseclub mentoring programm.

Veröffentlichen ist für mich so ein innerer drang. den austausch, den blogs und social media mit andern menschen ermöglichen, finde ich faszinierend, ich kann leute finden, die sich für das interessieren was ich mache, die ich da draußen so nicht treffen würde.

„selbstdarstellungssucht bedeutet in bezug auf social media diesen steten drang andere menschen bzw. freunden einen neuen status mitzuteilen. social-media-nutzer tendieren ja doch dazu wenn möglich täglich andere profile zu sichten und das eigene profil oft upzudaten. da gibt es einen immensen wunsch nach anerkennung und beachtung.“

veronika christine dräxler

johannes man müßte sich ja auch mit schild hinstellen und sie darauf aufmerksam machen. by the way. das erinnert mich an dieses video über facebook. wirkt bestimmt auf viele ein wenig komisch, würde man sich so darstellen. oder aber man geht auf messen oder events.

aber selbst dort hat man ja nur begrenzte möglichkeiten, sich in kurzer zeit so zu präsentieren. also in der gänze, wie es ein blog etwa ermöglicht oder andere social media. wie hat man es denn vor 10-15 jahren gehandhabt, als diese perspektiven noch zukunftsmusik waren?

social media

veronika das video ist super – so habe ich das auch noch nicht gesehen. mich erinnert dieses öffentliche mit dem megaphone herum rennen an das ausstellungsszenario bei der sonderausstellung @home im deutschen museum, bei der ich letztes jahr hin und wieder führungen gegeben habe.

dort konnten die ausstellungsbesucher platz auf sofas in einer wohnzimmerkulisse nehmen, die dazu eingeladen haben sich heimelig und privat zu fühlen. sich hinzulegen, auszustrecken, einige besucher sind sogar eingeschlafen..

dieses wohnzimmer war aber ein öffentliches, jeder konnte zu schauen. sich in einer öffentlichkeit privat fühlen, das ist eine illusion, die social media auslöst.

wie das vor 10-15 jahren war? keine ahnung, aber da hatte ich mein erstes handy, ein nokia 5110, da war es das größte diese ascci code bildchen zu verschicken.

social media

mr. spock im ascii-code: die computer-schriftzeichen werden 50 via chip.de

johannes ich hatte auch ein nokia, aber später. es war irgendwie unkaputtbar. aber bilder, nun ja, da sind ja die heutigen smartphones schon besser. wie ist das eigentlich, siehst du auch einen trend zu einer immer visueller werdenden kommunikation? denn die bilder nehmen ja so langsam überhand, ob mobil oder am rechner. oder eben in blogs.

veronika da gibt es diese redewendungen: ein bild sagt mehr als tausend worte. oder: bilder können nicht lügen. im mittelalter hatten bilder eine große macht auf deren betrachter. haben sie das heute noch auf uns?

ich denke ein großteil der internet-user ist sich dem thema der bildmanipulation bewusst. was ein bild erzeugt ist nach wie vor eine unschlagbare unmittelbarkeit. es ist leichter einen moment zu fotografieren, als ihn zu erklären.

statt jemandem also zu beschreiben, was ich gerade mache, ist ein bild einfach schneller gemacht und verschickt. das ist praktisch. was ich mich frage ist, wie wird instagram, tumblr oder ffffound den beruf des fotografens, bildagenturen und verlage verändern.

gestern erst habe ich auf der seite mother jones darüber gelesen, dass die redakteure der chigago sun-times ihren journalisten ein iphone-foto-training geben und so die fotografen-honorare eingespart werden sollen.

meiner meinung nach haben wir zwar eine gigantische bilderflut – aber das sagt nichts über die qualität der bilder aus. nicht jeder der ein bild macht, kann auch wirklich gute bilder machen.

social media

johannes letzteres stimmt absolut. aber was ist jetzt eigentlich selbstdarstellungssucht, also nicht nach wikipedia, sondern nach deiner auffassung. denn wenn du auf deinem blog interessante menschen interviewst, dann ist das ja auch eine form von darstellung.

geht der name deines blogs darauf zurück, dass wir irgendwie doch alle ein wenig extrovertierter sind, als wir vielleicht zugeben wollen?

„kurz gesagt stellen wir kreative macher vor – nach welche genauen kritierien wir diese aussuchen kann ich leider nicht punktgenau festhalten, das haben wir jetzt nirgends aufgeschrieben bzw. festgehalten. das ist viel persönliches interesse und intuition. ich sage aber schon auch oft nein zu vorschlägen – ich suche schon einen gewissen grad an ästhetik in der person und ihrer geschichte und darstellung für den blog.“

veronika christine dräxler

veronika selbstdarstellungssucht bedeutet in bezug auf social media diesen steten drang andere menschen bzw. freunden einen neuen status mitzuteilen. social-media-nutzer tendieren ja doch dazu wenn möglich täglich andere profile zu sichten und das eigene profil oft upzudaten. da gibt es einen immensen wunsch nach anerkennung und beachtung.

den blog habe ich so getauft, weil das publizieren an sich ohne ein lesendes gegenüber wenig motiviert und weil einen text veröffentlichen doch auch bedeutet, dass ich will, dass er gelesen wird. ich finde es absolut menschlich feedback bekommen zu wollen.

eine publikation – darunter zähle ich auch ein status-update – zeigt für mich, dass da ein mensch auf etwas aufmerksam machen möchte. das kann er aber nur in dem er sich selbst einbringt. beim publizieren geht es aber mehr und mehr nur noch darum sich selbst zu profilieren – dies auf kosten des privatlebens zu tun, das finde ich nicht mehr gut.

wir suchen für den blog also nach persönlichkeiten, nicht nach profilen. der name selbstdarstellungssucht ist also in bezug auf den blog ein wenig selbstironisch gemeint. tatsächlich möchten wir menschen vorstellen, die etwas besonderes machen und ihrem eigenen weg folgen und das auch in der öffentlichkeit so kommunizieren, dass sie uns auffallen.

johannes diesen steten drang verspüre ich. er resultiert bei mir aber weniger aus dem drang, publizieren zu müssen als vielmehr mit anderen menschen in den dialog zu treten und meine neugierde auf neues und menschen zu befriedigen.

dieser antrieb hat mein hobby zum beruf werden lassen. und schränkt, das gebe ich zu, mein privatleben durchaus häufiger ein, wenn man so will.

aber das ändert sich sukzessive. denn man entwickelt sich weiter wie auch eben das internet sich weiterentwickelt. aber zurück zu deinem blog: was ist das besondere an den menschen, die bei dir vorgestellt werden?

social media

veronika sie machen etwas – was uns als autoren auffällt – aus eigenem antrieb und das besonders gut. es sind kreative aus unterschiedlichsten bereichen, die für sich eine nische gefunden haben.

kurz gesagt stellen wir kreative macher vor – nach welche genauen kritierien wir diese aussuchen kann ich leider nicht punktgenau festhalten, das haben wir jetzt nirgends aufgeschrieben bzw. festgehalten. das ist viel persönliches interesse und intuition.

ich sage aber schon auch oft nein zu vorschlägen – ich suche schon einen gewissen grad an ästhetik in der person und ihrer geschichte und darstellung für den blog.

johannes veronika, hab lieben dank für das spannende interview. ich hoffe, wir treffen uns bald mal auf einen espresso oder ein helles in einem der schönen biergärten dieser stadt.

veronika gerne.

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